Divestment-Beschlussvorlage für den Uni-Senat

Das Präsidium und insbesondere der Kanzler sind für die Finanzen der Uni zuständig. Aber der Senat ist das höchste beschlussfassende Gremium. Nur dort können wir einen langfristig wirkenden Beschluss verankern, wie die Uni mit ihren Geldanlagen umgehen soll.

Daher haben wir schon einmal eine Beschlussvorlage für den Senat vorbereitet. Habt ihr Anmerkungen oder Kritik? Würdet ihr gerne noch andere Aspekte verankert sehen? Schreibt uns in den Kommentaren oder direkt im Kontaktformular!

Divestment – Beschlussvorlage für den Senat der Universität Kassel

Die Universität Kassel zieht ihr Vermögen aus dem Sektor fossiler Energieträger sowie der Rüstungsindustrie ab. Des Weiteren werden ergänzende sozialökologische und menschenrechtsbasierte Ausschlusskriterien beachtet.

Die Universität Kassel stellt sicher, dass dieser Beschluss für alle unselbständigen Stiftungen und anderen unselbständigen Organe der Universität geltend gemacht wird. Im Detail bedeutet das Divestment der Universität Kassel:

  1. Sonstige sozialökologisch unverträgliche Geschäftsfelder
    1. Weiterhin werden Unternehmen ausgeschlossen, welche sich in den folgenden Bereichen betätigen oder diese wissentlich in ihrer Produktionskette dulden:
  2. Rüstungsindustrie
    1. Das Rüstungs-Divestment betrifft alle Unternehmen, welche mehr als 5% ihres Umsatzes direkt oder indirekt durch die Herstellung und den Vertrieb von rüstungsrelevanten Gütern erwirtschaften. Insbesondere umfasst dies Unternehmen, die Rüstungsgüter im Sinne der Anlage zum Kriegswaffenkontrollgesetz oder für den Export bestimmte Waffen produzieren
      und vertreiben. Darunter fallen auch kleinkalibrige Waffen, welche nicht unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen.
  3. Fossile Energieträger
    1. Das fossile Divestment betrifft insbesondere die 200 börsennotierten Unternehmen mit den größten nachgewiesenen Kohlenstoffreserven in Form von Kohle, Öl und Gas, die im jährlich überarbeiteten Index „Carbon Underground 200“ festgehalten sind.
    2. Darüber hinaus werden auch die an der Förderung, Verteilung und Energieerzeugung durch diese Rohstoffe beteiligten Unternehmen ausgeschlossen.
      1.  Kernenergie
      2. gesetzlich nicht vorgeschriebene Tierversuche, bspw. in der Kosmetikindustrie
      3. Missachtung der grundlegenden Arbeitsrichtlinien der ILO, insbesondere Kinder- oder Zwangsarbeit betreffend
      4. Missachtung der Menschenwürde und der Menschenrechte
      5. Unangemessener Umgang mit Korruptions- und Bestechungsvorfällen
      6. Massentierhaltung
      7. Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimes
      8. Verantwortung für extreme, vermeidbare Umweltschäden
      9. gentechnische Veränderungen von Pflanzen, Saatgut oder Tieren
    3. Die Universität Kassel verpflichtet sich auch über diese Liste hinaus, hohe sozialökologische und ethische Standards anzulegen.

Verfahren
Die Universität Kassel beendet sofort jegliche neuen Investitionen in die oben genannten Bereiche. Die Universität Kassel gewährleistet, dass innerhalb von 5 Jahren keine ihrer Aktien, Mischfonds, Anleihen, Beteiligungen oder ihres sonstigen Kapitals Anteile oben genannter Unternehmen enthält.
Die Universität Kassel verpflichtet sich, dem Senat und den Studentischen Vertreter*innen des AStA einen vierteljährlichen, öffentlichen Kurzbericht mit den Einzelheiten bezüglich des Fortschritts des Divestments vorzulegen.

Begründung

Mit dem Pariser Klimavertrag wurde weltweit eine Einigung erzielt, die globale Erderwärmung auf maximal 2°C, möglichst 1,5°C zu begrenzen, um katastrophalen Klimawandel zu vermeiden. Mehrere Studien, unter anderem der Carbon Tracker Initiative sowie ein vielbeachtetes Paper im Nature Magazin, zeigen, dass etwa 80% (2°C) bzw. über 90% (1,5°C) der bereits in den Unternehmensbewertungen berücksichtigten fossilen Kohlenstoffreserven in Form von Kohle, Öl und Gas im Boden bleiben müssen, um diese Grenze einzuhalten. Diese sogenannte „Carbon Bubble“ stellt einerseits ein großes Risiko für die weltweiten klimatischen Entwicklungen dar, andererseits wird sie als die momentan größte Börsenblase angesehen.

Überall auf der Welt gehen Universitäten und Hochschulen, aber auch Kirchen, Kommunen und Banken mit positivem Beispiel voran und deinvestieren ihr Vermögen aus fossilen Brennstoffen. Die Divestment-Bewegung zeigt, dass aktiver Klimaschutz auch auf finanzieller Ebene umgesetzt werden kann und muss, um glaubwürdig und ganzheitlich gegen die rasante Erderwärmung vorzugehen. Denn falls solche Beteiligungen weiter gehalten werden, wird ganz unmittelbar gegen das 2°-Ziel gewettet. Die Universität spricht sich also im Sinne der eigenen Nachhaltigkeitsfokussierung explizit dagegen aus,selbst von einem starken Klimawandel zu profitieren.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere globale Herausforderungen, zu deren Bewältigung finanzieller Druck einen erheblichen Teil beitragen kann. Die Universität trägt mit ihrem Standort in der traditionellen Rüstungsstadt Kassel dabei eine besondere Verantwortung. Nach Implementierung der Zivilklausel im Jahr 2012 geht die Universität Kassel mit dem Divestment den logischen nächsten Schritt.

Eine öffentliche und dem Gemeinwohl verpflichtete Institution wie die Universität Kassel, darf nicht von der Benachteiligung und Ausbeutung Anderer profitieren. Aus diesem Grund werden im Rahmen des Divestments weitere ambitionierte sozialökologische Kriterien für die Finanzgeschäfte angelegt, die im Einklang mit dem Umwelt-und Nachhaltigkeitsprofil der Universität stehen.

Während in Großbritannien bereits ein Viertel der Hochschulen aus fossilen Rohstoffen deinvestiert haben, ist die Universität Kassel eine der ersten deutschen Hochschulen, die diesen und noch weitere Schritte geht und nimmt somit eine Vorreiterrolle ein. Hochschulen sind der ideale Ort, um die Forderung nach einem Divestment umzusetzen, da Studierende als künftige Generation in besonderem Maß mit den Folgen von Klimawandel und Kriegen konfrontiertsein werden. Des Weiteren wird so die finanzielle Praxis konsequent an das Nachhaltigkeitsleitbild der universitären Lehre und Forschung angepasst. Die Universität Kassel hofft auf weitere Bildungs-und andere Institutionen, die ihr bald nachfolgen werden.

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